K.i.S.T.E.-Rede 2003 – Dr. Karl Heinz Kossdorff


Liebe Keramik-Fans,
liebe Besucher,
liebe Oberpullendorfer

Hören Sie’s auch?

Hier wächst etwas heran, in Oberpullendorf.
Hier in einem Winkel, wo normalerweise Fischer nur einen starren Blick für das Tümpelgewässer haben.
Hier bricht für ein paar Tage im Mai die Erde auf.
Und wie nach einem Regenguss schießen aus dem Inneren irdene Formen, tönerne Fantasien, berührende Skulpturen.

In ganz Wien, kenn ich keinen Platz, wo so etwas wächst.

Hier aber blühen für kurze Zeit Elemente aus der Ur-Materie Ton. Mit dem direkten Abdruck des Menschen im Material. Man sieht darin den pochenden Puls des Schaffenden, die Kraft, die Emotion, die Zurückhaltung.
Alle menschlichen, körpereigenen Schwingungen sind in diesem Material sichtbar und festgehalten.

Deshalb meine Forderung: Diesen Fleck hier unter Naturschutz stellen, die Keramik unter Kunstschutz!

Damit bin ich beim ersten „K“, meiner heutigen „K-Trilogie“, dem Künstler.

Kein Kunstvolk hat so eine innige Beziehung zu seinem Material. Zu den Vorgängen des Schaffens, zu den Vorgängen des Zufalls durch das Feuer zum Beispiel.
Kein Kunstvolk kann so starke Liebesbezeugungen formulieren wie Keramiker. Oder haben Sie je einen Maler verliebt säuseln gehört, wenn er über die Struktur seiner Leinwand schwärmt, über die sämige Grundierung, über die schier unglaubliche Elastizität seiner Farben?

Keramiker formulieren:
„Die Arbeit mit Ton ist wie eine Unterhaltung mit unserem Schöpfer.“

„Da die Keramik das Ergebnis einer chemischen Veränderung des Materials durch das Feuer ist, genießt man beim Formen des Materials, das das Feuer dann in Keramik verwandeln wird, die großartige Begegnung mit den vier Grundelementen des Lebens. Erde, Wasser, Luft und Feuer.“

„Ich mag die Magie des Verwandelns von Schlamm in Stein.“

„Ich benutze gern ein weiches Material, um eine Form mit harten Kanten hervorzubringen.“

„Ich denke daran, wie aufgeregt ich bin, wenn ich den Ofen öffne und das Ergebnis sehe. Das ist etwas, ohne das ich nicht mehr leben kann!“
„Das größte Glück ist es, am Morgen wach zu werden und zu wissen, dass ich den ganzen Tag mit Ton verbringen kann.“

„Ich beschäftige mich mit Unreinheit, mit Zufall und den Grundelementen und versuche damit Ideen umzusetzen.“

„Ich genieße den Spannungszustand zwischen gezielter Formgebung und Oberflächengestaltung, die fast vollständig dem Feuer überlassen wird.“

Nur Keramik-Künstler lassen es zu, dass neben dem Prozess des Schaffens durch ihre Hände ein zweiter Prozess des Zufalls – durch Glasuren, durch den Ofen, durch das Feuer – das Kunstwerk mitbeeinflusst. Oder sie rechnen fest damit.

Kein Kunstvolk schafft es Jahr für Jahr, dass Hunderte, ja Tausende Keramik-Events aus dem Boden rund um den Erdball schießen, als wollten sie ihren Mitmenschen mitteilen, dass sie mit dem Ur-Material sinnvoll umgegangen sind.

Mit einem flammenden Zitat der Kalifornischen Keramik-Künstlerin Viola Frey leite ich das zweite „K“ in der „K-Trilogie“ ein, die Keramik-Kunst:

„Allein durch seine Natur ist Ton nicht hierarchisch. Das macht ihn zu etwas Besonderem ... Man malt, formt Skulpturen, zeichnet, schafft funktionale Dinge, macht auch mal Mist, und all das ist Teil des Tons. Ich bin auch der Meinung, dass man, benutzt man das Wort „Keramik“, verschweigt, es mit Bildhauerei, Malerei, oder Architektur zu tun hat. Es ist alles Ton – es ist alles eins. Darüber hinaus kann man sagen, „Ton ist Kunst“, was dann zu einem Schlachtfeld wird, auf dem kunsthistorische Begriffe niedergestreckt werden. Niemand hat je gesagt, was Ton ist. Er wurde einfach zu dem, was er werden musste.“

Jede Kunstform – ob Malerei, Bildhauerei, Zeichnung, Fotografie, Video ist heute ein weites, unbestimmtes Feld der Qualität und des Geschmacks. Kunst ist für das Leben das, was die Richter-Skala für ein Erdbeben ist – ein System, um zu messen, was sich bewegt. Auch wenn es von den meisten Menschen gar bemerkt wird.

In einigen Ländern wie Holland, England oder in Japan und Korea, hat Keramik-Kunst einen hohen Stellenwert. In Österreich wird sie von der Galerieszene so gut wie nicht wahrgenommen. Schon gar nicht von Museen und wenn, dann muss sie oft den Weg der Verdammnis in staubige Kunstgewerbe-Museen antreten. Schade um Keramikkünstler des vorigen Jahrhunderts wie Wally Wieselthier, Povolny, Singer, Löffier und andere.

Wenn heute ein bekannter Maler sich einmal nicht im, sondern am Ton vergreift, ist es dann sofort spektakuläre Kunst.

Trotz großer Künstler wie Chillida, Giacometti, Picasso, Miro, Matisse, Kirkeby, Karel,
Appel, ist und war der Ton der Leinwand immer unterlegen.

Der Keramik aber verdankt man, dass Kunst überhaupt erhalten wurde, weil Kunst aus Metall für Kanonenkugeln geschmolzen wurden. Keramik ist nicht für den Krieg zu gebrauchen!

Bei „Keramik-Künstler“ möchte ich kurz an einen besonderen Menschen denken, der im Dezember des vorigen Jahres in Halle an der Saale bei einem Autounfall ums Leben kam: Gertraud Möhwald. Mit ihren keramischen Skulpturen, versetzt mit Fayencen und Steingut, war sie gerade dabei die künstlerische Keramik in das Blickfeld der modernen Kunst zu rücken. Ihr spartanisches Leben als frühere Ostdeutsche hat sie in dieser Form für ihr Schaffen nur positiv gesehen: „Das ist der Vorteil des Mangels: das man das Wesentliche sucht.“

Das Wesentliche hier und jetzt, und in den nächsten Tagen sind 23 Künstler, die für uns neue Arbeiten in dieser romantischen Kulisse präsentieren.
Lernen Sie bitte jeden einzelnen kennen oder noch besser kennen, auch wenn sie ihn schon kennen.

Zwei große Künstler, die beide Mitglied des ICA-Internationale Ceramic Akademie in Genf sind, und die diesem Event ihre künstlerische Qualität geben, darf ich Ihnen genauer vorstellen:

Maria Geszler-Garzuly aus Szombathely und Franz Josef Altenburg aus Breitenschützing bei Lambach.

Maria Geszler: Absolventin der ungar. Akademie in Budapest begab sich früh auf Studienreisen: Sarmakand, Buchara oder Armenien. Sie ist neben ihren Arbeiten auch für ihre internationalen Symposien berühmt. Ihre Kunstwerke werden weltweit gesammelt, sind in bedeutenden Museen und auch auf öffentlichen Plätzen. Eine Unmenge an internationalen Preisen – aus Europa bis Japan. Korea hat sie gewonnen. Sie hat das Arbeiten mit Ton stets als Abenteuer gesehen. Kaltes Studio – schwerer Ton – endlose Stunden des Brennens – der müde Körper – die schmerzende Hand. Das alles sind nur äußere Zeichen des Abenteuers. Nach all diesen Leiden wird die Welt grün und sie ist neugeboren.

Ein Zentralthema in ihrem Schaffen war die Fotografie, z.B. Landschaftsfotos. Sie nutzte die Negative für Siebdrucke, die sie auf nasse Porzellanmassen transferierte. Sie begann mit ihren berühmten „Fenster-Objekten“, jetzt hat sie die Technik noch verfeinert, so dass sie ganze Figuren mit Fotoelementen versieht. Ihr großes Geschick war die Umwandlung einer 2-dimensionalen Fotografie in eine 3-dimensionale Form zu bringen. Eine Figur in dieser Ausstellung ist die „Träne des Utamaro“, die dem bedeutenden japanischen Holzschnitzer des 18. Jh., Kitagawa, gewidmet ist. Ihre Biografie ist doppelt so umfangreich wie meine ganze Rede, mehr erfahren Sie in den Katalogen. Wir freuen uns besonders Sie heute Abend hier zu haben.

Franz Josef Altenburg ist der bedeutendste keramische Plastiker und Bildhauer in Österreich, auch wenn er dies gar nicht hören will. Er war Schüler der berühmten Baudisch in Hallstatt und hatte auch dann mit ihr ein Atelier in der Gmundner Keramik, wo er heuer im Sommer an einem internationalen Symposium als Gastkurator teilnimmt. Genau vor 30 Jahren hat er in dieser Gegend bei einem Symposium die Formgebung seines plastischen Arbeitens entwickelt. Da dort mit Koksfeuer gebrannt wurde, suchte Altenburg nach einer Möglichkeit, ein Volumen zu konstruieren, durch das die Flammen ungehindert ihren Weg nehmen sollten. Es entstand ein breitfußiger Block aus Tonbarren, von ihm lapidar „Stangerl“ genannt. Seine Objekte sind strenge, ehrliche Architektur mit minimalistischem Ausdruck ohne Pathos, aber enormer Anziehungskraft durch die Predigt auf das Wesentliche. Seine Arbeiten verblüffen durch eine unverfälschte Geradlinigkeit. Gerade in unserer überhektischen Zeit, geprägt vom Kreuz- und Querdenken und –handeln, sind seine Objekte, massive, klare Strukturen, reduziert auf Formen, die einem selbst wieder Ruhe vermitteln. Eine menschliche Geradlinigkeit, wie er eben selbst ist. Altenburg arbeitet in Zyklen und teilt seine Skulpturen in Werkgruppen wie „Blöcke“, „Türme“, „Konsolen“ etc. Eine für ihn wichtige Werkgruppe sind seine „Kreuze“. Er hat ihnen durch neue Form- und Farbgebung neue Spiritualität gegeben. Es sind Objekte mit stark habtischer Anziehungskraft. Ein Kreuz als Kunst. Auch seine Arbeiten sind in vielen bedeutenden Museen und vor zwei Jahren hatte er – im gleichen Jahr wie Lucie Ree – eine große Einzelausstellung zum 60er im Museum für Angewandte Kunst in Wien. Ein bemerkenswerter Katalog ist dabei entstanden. Wir sind stolz auch Teile seines Oevres hier anbieten zu können.

Der Mensch sucht immer wieder Plätze auf, die ihm gut tun. Mit einem Stück keramischer Kunst können Sie jeden Tag davon Kraft tanken.

Kraft führt mich zum dritten „K“ in der „K-Trilogie“: Keramik im Steinbruch. Die „K.i.S.T.E.“ „Nein, Kiste ist keine Künstlergruppe, wie die „Blauen Reiter“ oder die „Brücke“-Maler. Eine Kiste hat ja starken Symbolwert. Die Kiste ist zum Beispiel eine Schatz-Kiste. In eine Kiste verpackt man Besonderes. Sie wird versperrt. Und dann steigt die Spannung. Die Spannung des Öffnens nach langer Zeit. Zum Beispiel nach 12 Monaten.
Er-Öffnen wir also jetzt die „K.i.S.T.E.“-2003 gemeinsam!
Vergessen Sie aber nicht: „Keramik ist ein Material für die Ewigkeit – außer sie fällt runter.“

Vielen Dank für Ihre Ausdauer!

Home